Schreibwettbewerb
Artikel zum Wettbewerb

Mit dem folgenden Artikel möchte Agnes Doering Sie dazu ermuntern, sich mit einer kurzen "Erinnerungs-Geschichte" am Wettbewerb der Westfälischen Rundschau zu beteiligen. Die Wettbewerbsbedingungen finden sie hier.

Aus Barcelona in die Hellweg-Stadt

VON AGNES DOERING

Ich erinnere mich... noch genau an den Tag, als ich nach Unna kam. Es war Ende März 1980, als mein Mann und ich in Barcelona aufbrachen, wo wir ein Jahr verbracht hatten, er als Vikar in der Deutschen Gemeinde, ich mit diversen Beschäftigungen, unter anderen Unterricht an der Deutschen Schule.

Mein Entschluss stand fest: Ich wollte nicht Lehrerin werden. Also folgte ich erst mal meinem Mann ins Pfarrhaus, ins unbekannte Unna. Das waren noch Zeiten. Es gab freie Stellenwahl. Auf dem Papier konnten wir uns aussuchen, wohin es gehen sollte. Wir hatten uns für Unna entschieden – gegen Holzwickede, Gelsenkirchen und das Sauerland.

Unser neues Zuhause kannten wir bereits durch Fotos, die meine Schwiegereltern auf einem Erkundungstrip geschossen und uns geschickt hatten. Unsere Freunde warnten uns: „Da wollt ihr hin, das ist doch ein ganz traditionelles, piefiges Pflaster!”

Wir wagten es. Etwas flau wurde uns, als wir nach einer langen Autofahrt in unserer neuen Heimat ankamen. Wir kurbelten die Scheibe runter und fragten nach dem Aspersweg. „Den gibt es nicht", lautete ein paar Mal die entmutigende Antwort. Und: „Ich bin alter Unnaer, den müsste ich kennen". Gegen dieses Argument konnten auch unsere beweiskräftigen Fotos nichts ausrichten.

Ohne Handy und Navigationssystem haben wir es dann doch geschafft. Wir fuhren vor die Garage, wo uns nach einem Telefonat mit dem Amtskollegen drei sehr ähnlich aussehende ältere Herren einen spröden Empfang bereiteten.

Das neue Heim erschlug uns. Staunend gingen wir von einem Zimmer zum nächsten. Meine bis dahin nur gefühlte Schwangerschaft wurde zur Gewissheit. Hier hatte eine große Familie Platz. Doch erstmal raus. Wo waren wir gelandet? Ich ging die Fußgaängerzone einmal auf und ab. Und nun......? Auf die Hilfe der Unnaer konnte ich auch nicht wirklich zählen: „Ich bin nicht aus Unna, ich kenne mich hier nicht aus", bekam ich in den nächsten Jahren oft zu hören.

„So, woher kommst du denn?" „Ich bin vor zehn Jahren aus Billmerich hergezogen." Es schien also nicht so einfach zu sein, aber ich gab nicht auf. Nach irgendeinem Urlaub landeten wir direkt auf dem Stadtfest...und ich kannte sie alle. Da gab es den Moment, wo ich spürte: „Ich bin angekommen!" Vielleicht werde ich in Unna alt, aber eine alte Unnaerin werde ich nie sein!

 

Agnes Doering, geboren 1954, wohnt seit 1980 mit ihrer Familie in Unna und ist von Beruf Biographin. Ihr Gatte Johannes, den sie in der Geschichte erwähnt, ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde.